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   Berufstips: Diplomgeisel
  

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Heute: Diplom-Berufsgeisel z.D. (zur Disposition)


Durch den um sich greifenden Neuen Separatismus in der Welt entstehen immer mehr und immer kompliziertere Krisen. Die Länder zerfallen in immer kleinere unregierbare Einheiten und schaffen internationale Spannungen, die wie ein Pulverfaß daherkommen. Im Zuge des militanten Weltterrorismus werden auch und insbesondere Geiselnahmen bei Entführern gleichermaßen wie bei jung und alt immer beliebter. Das starke Medieninteresse, verstärkt durch den Boom neuer Stationen, die auf Einschaltquoten zwingend angewiesen sind, setzt die bei derlei Anlässen genommenen Geiseln unter unmenschlichen Druck. Früher konnten auch blutige Laien diese Rolle noch bequem ausfüllen. Eine einfache in die Kamera geschmerzte Grimasse genügte vollauf, um Millionen von Zuschauern zu Tränen und Spenden zu rühren.
     Diese Zeiten sind leider unwiederbringlich vorbei. Die angesichts der zunehmenden Brisanz der globalen Auseinandersetzungen gestiegenen Anforderungen an die Geiseln von heute führten zu einem dramatischen Absacken des bisher üblichen hohen Niveaus bei nationalem und internationalem Kidnapping. Hier einzuschreiten sahen sich die Regierungen genötigt, die auf europaweiter Ebene diverse Akademien zur Schulung des Geiselnachwuchses ins Leben riefen.
     Über zweieinhalb Jahre werden die Studenten in allerlei körperlichen und psychologischen Techniken trainiert und auf ihren zukünftigen Beruf vorbereitet. Als Abschluß winkt das Diplom in Geiselei (Dipl.-Geis.), das in der ganzen Welt hohe Achtung genießt.
     Ein repräsentativer Akademietag beginnt mit dem unerwarteten spontanen Wecken um 7 Uhr 45 durch einen im Schlafsaal aufgehängten Kanonenschlag. Dann folgt die Seminarübung „Auf dem Präsentierteller”. Hier wird die angehende Geisel in medienwirksamen Auftritten geschult. Dazu gehören Gebücktgehen (mit Pistole an der Schläfe), Augenbinde an- und ablegen, gepreßt Sprechen und auf Zuruf hinfallen. Außerdem das Selbstschminken ohne Spiegel und das sog. „Controlled Bleeding”.
     Nach dem pünktlich um zwölf Uhr ausfallenden Mittagessen steht das „Geiseldrama” auf dem Spielplan. Hier ist schauspielerisches Geschick, Einfühlungsvermögen in die Lage der Lage und Körperbeherrschung gefragt. Der Tutor drillt seine Schützlinge mit einer Mischung aus paramilitärischem Ballet und klassischem Steptanz im Takt einer lässig feuernden Bazooka.
     Fortgeschrittene Semester, die das Aufbaustudium „Geiselnehmer” belegen, lernen von ihren Geiseldramaturgen den artgerechten Aufbau eines ansprechenden und effizienten Szenarios, das den SAT1-Blutbad-Normen entspricht.

Zwei Geiseln i.A. (in Ausbildung) führen hier die natürliche Eleganz des doppelten „Kolbenfressers” vor. Diese Übung dient später im Einsatz der Einschüchterung ausländischer Kamerateams und der Zuführung wertvoller Nahrungsenergien durch das in der Hitze des Gefechts entstandene Popcorn.


     Der große Vorteil in diesem Dualen Ausbildungssystem liegt auf der Hand: Geiseln und Geiselnehmer sind nach Abschluß ihrer Ausbildung ein eingespieltes Team, verstehen sich blind und können sich auf wechselnde Partner locker einstellen.
     Mittlerweile sind die Akademien so sehr spezialisiert, daß allerorten eine Fakultätentrennung in evangelisch, katholisch und moslemisch stattfand. Vor allem in den katholischen Abteilungen können sich die wirklich harten Jungs auf einen einmaligen Einsatz gefaßt machen lassen. Für alle potentiellen Selbstmörder, die aus religiösen Gründen von ihrem ureigensten Wunsch abgehalten werden, gibt es dort zwei alternative Angebote: Entweder den „Hire and forget”-Job einer zu exekutierenden Geisel zu übernehmen (sachgerecht erledigt von einem diplomierten Geiselgangster) – oder den versehentlich im finalen Kugelhagel der Polizei tödlich verwundeten Unhold zu spielen. Die mysteriösen Umstände des Verscheidens führen zu willkommenem Köpferollen in Ministerien nah und fern, mit der Aufarbeitung des Falles haben noch Generationen von Polizisten eine neue Existenzberechtigung gewonnen.
     „Professionelle Krisen erfordern professionelle Geiseln”, begründete der Obergeiseliche des Vatikans, Bummus Magnus, das Verdikt.
     „Außerdem ist die ganze Sache gar nicht so mörderisch, wie gemein hin und her behauptet wird – schließlich steht all unseren Absolventen eine unvergeßliche, triumphale Welttournee durch die spannendsten Gegenden des Globus bevor. Für all diese begnadeten Lebenskünstler beten wir armen geistlich Zurückgebliebenen hier in unserer Kirchenmoschee auch immer schön das Ave Caliber und schlagen anschließend das Fadenkreuz über der Gemeinde.”
     Interessenten können sich bei der örtlichen Europäischen Geiselakademie (EG) bewerben. Beizufügen ist neben einer glaubwürdigen Kopie des Abiturendzeugnisses ein Ganzkörperporträtfoto sowie 20.000 ECU in gutgefälschter Ausführung.


Vielen jungen Menschen und Rekruten stellt sich heute nach dem abbgebrochenen Schulabschluß, der unehrenrührigen Entlassung aus der Bundeskom und der Telewehr die Frage nach dem eigenen Beruf. Der Arbeitsmarkt ist abgegrast, so daß die Jobs nicht wie die Kirschen am Wirbelbein wachsen. Für alle, die sich zu fein sind, stempeln zu gehen oder sich als Vollkuverts abstempeln zu lassen, bietet sich in Sachsen-Aushalt im idyllischen Bad Timber ein ganz neuer Berufszweig: Die lokale Baumschule „GbR Blattschuß” bildet erstmals in diesen Tagen wieder zum „Kiefernorthopäden” aus.
     Diese Tätigkeit hat weniger mit dem sterilen Schwesternhelfer-Ambiente eines Zahnarztes zu tun, sondern bezeichnet vielmehr einen Nadelholzspezialisten. Dieser Evergreen unter den Forstberufen erfordert eine stämmige Statur, die Bereitschaft in einer gestandenen Stammannschaft Hand anzulegen und viel an der frischen Luft herumzusägen. Kiefernorthopäden erstellen paßgenaue Astprothesen für Kiefern und Tannengewächse, die sich einen abgebrochen haben. Den ausgebildeten Naturburschen ficht auch der tägliche Umgang mit der Nadel nicht an, zumal der lodengrüne Nadelstreifenoverall obligat ist. Tief verwurzelt in der Tradition der sächsischen Hochalm, wird der Azubi innerhalb von nur 8 Monaten auf seine Aufgabe geeicht und kann anschließend selbständig den Meistergrad „Astmatiker” erreichen. Damit wird er zur international anerkannten Konifäre auf seinem Gebiet.
     Buchen Sie noch heute, denn morgen ist ein anderer Tag.