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Endlich ist es soweit: Nachdem die Dance- und Technowelle immer höher durch deutsche Tanzpaläste schwappt und sogar das Freizeichen des Telephondienstes mit den neuesten Hits von 2 Unlimited unterlegt wird, erweitert das renommierte Berliner Wave-Label Ethnad’or im Zuge der Backcatalog-Rereleases seine bislang nur Insidern bekannte „Funk-a-düdel”-Reihe um frühe und fastvergessene Dance-Perlen aus den Anfangstagen des Pop.
     Haben uns die Berliner bislang schon das Wiederhören mit solchen Schätzen wie dem 73er-bpm-Gewitter „Hopster“ der Beatnik Bros oder dem frühen Meilenstein „Ukulela“ von TekDaz ermöglicht, so warten sie im Monat September mit einem «besonderen Leckerbissen» – O-Ton Plattentext – auf: das dritte Erstlingswerk „No comment“ der Wiffelthaler Combo „Hartchor” ist da, zeitgemäß ergänzt um den Hinweis „The early techno trax”, damit der unkundige Kunde weiß, was er kaufen muß.
     Was von außen noch wie ein stilvolles, tanzbares Elektronik-Werk ausschaut, relativiert sich beim Hineinhören doch sehr schnell. Die Band um Frontfrau Berta B. stammt musikalisch, das wird alsbald überdeutlich, weniger aus dem Discobereich als aus dem Feld inkantierter Gospel-Shantys mit Acapella-Einschlägen. Titel wie „Brat-Hering” oder die phasisch-manische Ballade „Immer sinken” sorgen weder für Stimmung noch bessern sie die Laune des Hörers.
     Zur aufgesetzten Fröhlichkeit der restlichen Schunkelsongs („Schunkelschunkel”, „Humba”) paßt auch, daß die Gruppe als einziges nicht selbstgeschriebenes Lied ausgerechnet Hans Albers covert. Ihre als Homage gedachte Version „On the reepertrain at night about half one” treibt wohl selbst Abgebrühteste zum vorzeitigen Hörsturz.
     Fans dieser Platte werden sie vermutlich lieben, alle anderen sollten ihr Geld lieber auf angenehmere Weise aus dem Fenster werfen. So kann ich mich zum Abschluß nur dem CD-Titel anschließen: Kein Kommentar.



Die zahllosen Freunde des immerlächelnden Sunnyboys aus dem kalifornischen Teil Südenglands pilgern zur Zeit zu Hunderttausenden in deutsche Großraumstadien, um IHN zu sehen: Phil „Weichton” Collins. Der Schwarm aller alleinerziehenden Schwiegermütter ist aber nicht nur live aktiv – nein, auch seine Studiokreativität hat ihn wieder einmal nicht eher ruhen lassen, bis ein weiteres Album im Kasten war.
     „I can’t sing” heißt das Meisterwerk, und schon in diesen Worten blitzt Collins’ unermüdlich spitzbübischer Humor und seine sympathische Selbstironie auf. Für seine aktuelle Scheibe hat sich Collins in mutiges musikalisches Neuland gewagt. Erstmals stammt nämlich keiner der 27 Titel auf dieser Doppel-CD aus seiner eigenen Feder. Statt dessen erfüllte sich der kleine Sänger mit den weiten Hosen seinen größten Herzenswunsch: Er hat seine persönlichen Lieblingsstücke aus 20 Jahren Rock & Pop neueingespielt und ihnen dabei den bewährten „Phillie”-Sound verpaßt.
     Um eine gewisse thematische Gliederung zu erreichen, besteht die erste CD ausschließlich aus Liedern, die ursprünglich aus dem Trash- und Junk-Metal-Bereich stammen, während die zweite unvergeßbare Evergreens von James Last enthält. Eine ungewohnte Mischung also, wie man sie von Phil allerdings gewohnt ist.
     Im ersten Teil seines Albums läßt Collins seinem Hang zum bedingungslosen Träumen freien Lauf. Metallicas „One” klang nie so eins wie hier. Das „The bloody killer sucks” von Tantera hat Phil bemerkenswert umarrangiert – nur mit Cymberon und Maulschelle sparsam instrumentiert und einfühlsam sanft gesungen, ist dies sicherlich der erste Höhepunkt des neuen Longplayers. Auch seine akustische und mit einem Drittel des Tempos gespielte Version von „Painkiller” streichelt das Ohr wie ein lauer Herbststurm.
     Legt man die zweite CD ein, so werden ganz andere Seiten aufgezogen. Stimmungsvolle Balladen wie „Summertime” wechseln mit eher verträumten Lovesongs à la „Katherina” oder „Santa Clara”. Als besonderes Schmankerl hat Phil für seine Version von „Lonesome blues” sogar J. Last höchstpersönlich ans wohltemperierte Akordeon beordert.
     Erneut setzt der englische Barde also Zeichen der frohgemuten Zufriedenheit in einer harten und entseelten Zeit. Das Publikum wird es ihm danken. Übrigens: den ersten 950.000 Exemplaren des Albums liegt als limited edition eine Mini-CD bei, auf der Collins sich selbst covert, und die auch seine große Heuschnupfen-Allergiker-Hymne „I can feel it coming in the air today” enthält. Also: Schnell zugreifen!



Und noch ein Sampler randvoll mit (vermeintlich) tanzbarem Soul. Diesmal zusammengestellt vom belgischen Arcadia-Label, featured es ausschließlich Acts aus der holländischen Dance-Hochburg Vandengracht.
     Wer jetzt allerdings eine abwechslungsreiche Mischung innovativer junger Bands erwartet, sieht sich schwer enttäuscht. Vom ersten Ton des „Dance baby” von Ellerau an paart sich hier Überflüssiges mit gänzlich Unnötigem.
     Fade Klangspielereien auf mißtönenden Synthieklavieren werden zumeist durch ruckelnden Rhytmus und tumbes Tempo unterlegt. Nur in den seltensten Fällen traut sich eines der Projekte auch mal ans Mikrofon – und dort, wo es geschieht, wie bei MC Larrys „Hot body move” oder Dizzls „Shake your leg – und weg”, wünscht man sich, daß es besser unterblieben wäre. Einen der unzähligen Tiefpunkte neben dem zwölfminütigen „Monster-Trance-Loop” von Arrgh! setzt übrigens die Crossover-Crew Loudshine in ihrem Brachialwerk „Lærm”, bei dem der Gitarrist Stacheldraht auf seine Klampfe gezogen hat, um möglichst „ehrlich” rüberzukommen. 
     Eine echte Zumutung – also unbedingt mal reinhören!



Soeben ist die nächste Marius Müller-Westernhagen-Euphorie in Deutschland ausgebrochen – pünktlich zur Veröffentlichung seines neuen Albums „Affenpater” verkaufte sich diese Scheibe innerhalb nur weniger Tage bereits ganz schön oft und kapitultierte ihn sogleich an die Spitze der deutschen CD-Charts.
     Was nur die allerwenigsten seiner Fans wissen: richtig neu ist der „Affenpater” gar nicht. Marius hat diese Platte nämlich vor zweieinhalb Jahrzehnten in ähnlicher Form bereits einmal aufgenommen, jedoch unter seinem bürgerlichen Namen Hans-Horst Hupfeneder. Wenig verwunderlich, daß sich seine 69er LP „Schweineherbst” so nur schwer an den Mann bringen ließ. Nach nur drei bitteren Monaten entschied Marius, pardon: Hans-Horst, daß die Zeit eben einfach noch nicht reif sei für seinen Genius und zog das Werk schleunigst aus dem Handel zurück.
     Sein Hauslabel Klötenklang beschloß nun, anläßlich des Jubiläums der 25jährigen Absenz der „Schweineherbst”-Platte vom deutschen Musikmarkt, die Scheibe unter dem Original-Titel nochmals neuzuveröffentlichen.
     Eine gute Entscheidung, wie sich nach dem Hörgenuß der CD objektiv feststellen läßt. Zwar weist das Album mit 25 Minuten eine für heutige Verhältnisse etwas unterdurchschnittliche Länge auf, dafür ist jedes der drei darauf enthaltenen Lieder mit großer Sorgfalt und Experimentierfreude eingespielt worden.
     Für den Opener „Es geht mir durchaus ganz gut” hat er sich sogar mehrere professionelle Laienmusiker ins Studio geholt, die dem Stück durch fleißige Gitarrenriffs und einem asynchronen Schlagzeug genau die richtige Mischung aus Rock und Roll verleihen.
     Der zweite Song ist ein autobiographischer Versuch des damals noch jungen Künstlers, sein Verhältnis von Außen- zu Innenwelt und sein eigenes Erwachsenwerden musikalisch in den Griff zu bekommen. „Papa, hast du mein’ Joint gesehn?” besticht durch die MMW-typische sozialkritische Attitüde, die sich hier sogar mit beißend mildem Humor paart. In der Melodie lehnt sich dieses Lied an altbekannte Blues-Stücke von den Neverly Brothers an, lediglich das Poltern der im Hintergrund hörbaren Bierflaschen ist zunächst etwas ungewohnt. Um das Feeling möglichst glaubhaft rüberzubringen hatte HHH übrigens den Hausmeister unter Drogen gesetzt.
     Die restlichen 23 Minuten der Platte sind dann ein monumentales Zeitzeugnis von unvergänglicher Bizarrheit. Marius hat seine zahllosen Versuche, die ersten beiden Stücke zu komponieren, einfach auf Band genommen und dann in einem Non-Stop-Mix namens „Brockoli” zusammengestückelt.
    Wer wissen möchte, wie man früher Musik gemacht hat und zu welchen Klängen die eigenen Eltern ihr Hasch rauchten, sollte sich von dieser Platte möglichst fern halten. Sie darf in keiner vollständigen Sammlung fehlen.



Der Dinosaurier-Boom entwickelt sich auch bei uns immer mehr zu einer Art Boom, dem sich niemand, der auf zwei Beinen geht, entziehen kann. Beschränkte sich die Verehrung für diese Riesenechsen die ersten paar hundert Millionen Jahre noch auf Altertumsforscher und neugierige Kinder, so ist der Virus spätestens seit Spiegelzwergs Orgastic Park auch auf bislang unbeteiligte und vernünftige Bevölkerungsschichten übergesprungen. Dinotassen, Dinoautos, Dinokondome oder Dinodinos sind da wohl erst der Anfang.
     Wie immer, wenn es was zu verdienen gibt, beteiligen sich auch die Plattenfirmen massiv am Ausverkauf unserer großen Brüder. Aus der Fülle der Neuerscheinungen möchte ich Ihnen diesmal drei ganz besondere Longplayer vorstellen, die den Markt von ganz verschiedenen Seiten abzugreifen trachten.
     Der erste Sampler von Phonotonie richtet sich primär an die klassische Dinosaurier-Käuferschicht: die Kinder. In der „Lustigen Dinoparade” ist alles versammelt, was mindestens drei Meter groß ist oder wenigstens einen langen Schwanz oder große Flügel hat. Dazu wurden diverse deutsche Schlagergrößen aus ihrem Vorruhestand getrommelt und unter „lustigen” neuen Namen vors Mikrophon geschnallt. Herausgekommen ist ein vorzeitliches Sammelsurium mitklatschgefährdeter Monsterhits, die wohl auch dem feurigsten Drachen die Flamme im Halse ersterben lassen würden. Titel wie „Ich bin heut echt bronto sauer” von Dino Dödel (alias Gottlieb Wendehals) oder „Ich will ne Saurierfrau als Mann” von Reptilien-Lilli (David Hasselhoff) sprechen gegen sich. Peinlicher Schlußpunkt: Dieter-Thomas Heck versucht sich als „MC Mammal” an dem Stones-Klassiker „Velozeraptor”.
     Der zweite im Bunde ist von ganz anderem Kaliber. Archie Optericks, ein echter HipHopper aus den schwarzen Ghettos von Bad Tölz, bringt zeitkritische und philosophisch angehauchte Dinosaurier-Epen zu Gehör. Insbesondere das ungeklärte Schicksal der kaltherzigen Riesen beschäftigt ihn, und so zieht sich die fiktive Lebens- und Sterbegeschichte des kleinen, verwaisten Echserichs „Fethel” wie ein roter Faden durch das ganze Album. Unterlegt mit kompromißlosen Street-Beats und funkig-groovenden Scratches rappt Archie auf „Terra Supernova” geschickt gegen die Unterdrückung der farbigen Dinosaurier in der Vorkreidezeit. Möge ihm Erfolg beschieden sein.
     Nur der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle auch noch auf das bereits seit einigen Wochen erhältliche neue kongeniale Werk der US-Waver von Dinosaur Jr. hinweisen, die auf „Sleeping with T-Rex” ebenfalls ein heißes Eisen anfassen: die von Wissenschaftlern vermutete Bisexualität von Dinosauriern. Einfühlsam und frech zugleich ist diese Scheibe in letzter Konsequenz ein Plädoyer für mehr Verständnis. Riesig!