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Schriftenindizierung


USA, Clearwork (häh) – Wie die amerikanische Bundesgeschäfststelle für amerikagefährdende Schriften mitteilt, wurden im vergangenen Jahr mehr als 150.000 Schriften als jugendgefährdend, rassistisch verblendend, fanatische Indizierung provozierend und überaus langweilig indiziert, eingezogen und nur noch den Mitarbeitern der Behörde zugänglich gemacht. Unter den Werken befinden sich so brisante Werke wie „Das Schachspiel: 100 Stellungen schwarz auf weiß” – allerdings nicht aufgrund des zweideutigen „Stellungen”, sondern wegen der Erwähnung der Farbe „schwarz” und der damit implizierten klaren, ausgrenzenden, geradezu apartheidnischen Trennung von Schwarz und Weiß.
     „Gerade an diesem Werk”, so Geschäftsstellensprecher Lou D. Amnit, „werden viele Merkmale der neuen indizierungsbedürftigen Tendenzen in der Literatur unseres Landes deutlich. Wir sahen uns in den letzten Monaten wiederholt heftigsten Angriffen ausgesetzt – man warf uns vor, mit dieser Indizierung selbst rassistisch zu sein. Aber diese Kritik geht am wesentlichen Kern vorbei: nicht schwarz oder weiß ist das Entscheidende für unsere Entscheidung, sondern die Tatsache, daß das Schachspiel seinen Ursprung nicht in Amerika hat, dem Land, aus dem alle und ausschließlich gute Sachen stammen, sondern in Asien. Und Sie wissen ja, was für einen Einfluß Werke aus diesem »Kulturraum« auf Amerikaner haben können...”

Deutschland (huh) – Der Bundesindizminster Friedrich Schweine-Koben (ab 16) gab die Indizierungs-Charts für den Monat Herbst bekannt. Demnach habe sich das örtliche Telefonbuch weiter verbessert und belegt nun einen guten ersten Platz. Vor allem in den traditionell sittlich gefährdeten Städten des Nordens wie St. Pauli mußten einige tausend besonders obszöne Namen per Hand rausgeschnitten werden. Diese Aktion habe die Bundespost ca. 100 Mio. Mark gekostet, aber für die Wahrung der Moralität unserer Jugend dürfe uns kein Opfer zu groß sein, wie Abteilungssprecher Schneid-Ab durchsickern ließ. Stein des Anstoßes war zum einen die sexistische Trennung von Männern und Frauen, wie sie sich beispielsweise in geschlechtstypischen Vornamen und charakteristischen Nachnamen zeigen. „Schlödelmann” beispielsweise würde die Frauen unter uns schlicht diskriminieren.
     Der Kompromißvorschlag der Betriebsratskommission, solche einseitigen Namensgebungen entweder durch „Schlödelmann/ frau” oder „Schlödelperson” zu ersetzen, wurden in letzter Instanz verworfen und so schuf das Ordnungsamt per Schere Ordnung. Unser Beispiel heißt jetzt nur noch „Schlödel”. Desweiteren würden Namen wie „Kaufmann” doch nur notdurftig decken, was wirklich dahinterstehe: Callboys. Gerade in unseren Zeiten der sittlichen Verwahrlosung gehe so etwas über den allgemeinen Horizont. Was person sich unter „Meier” (!) und „Müller” (!!) vorstellen soll, düfte wohl hinreichend offensichtlich sein.




Auf Platz zwei der Indi-Charts kullerten die Tischtennisbälle, die letzten Monat zur innerbetrieblichen Pingpong-Ausscheidung gerade noch rechtzeitig konfisziert werden konnten. Sie erinnerten, laut Sprecher, deutlich an gewisse sekundäre Geschlechtsmerkmale weiblicher Testfrauen. Platz drei geht diesen Monat an Frau Bertha Panislowski in Dümmer-Wümmede, die auf ihrem Kirschbaum zweihundert nackte Gartenzwerge mit einer Schlinge um den Hals geknüpft hat.

Volksrepublik Schweiz (ödi) – Ganz besondere Schriften fielen dem Rotstift der Schweizer Bergbewohner zum willfährigen Opfer. Schon immer waren die Senner von der Bergeskant Vorreiter in Sachen Ausgrenzung von fremden Einflüssen auf alles, was sauber, ordentlich und also schwyzerdütsch war. Wer erinnert sich nicht noch mit wohligem Schauern an das Verbot des Jahres 1812, als alle Kalender in der Alpenrepublik umgeschrieben werden mußten. Oder 1943, als der Kantonsvizewiderstandsminister in seinem Bunker auf der Zugspitze den nichtneutralen deutschen Fliegermaxen das Überfliegen der territorialen Schweizer Unbeständigkeit in aller Schärfe erlaubte.
     Wir schreiben das Jahr 1994, und wieder überrascht uns der Dreikäsehoch von jenseits der Berge mit einer aufsehenerregenden Schikanenverordnung. Es ist ja seit jeher gute Schweitzer Tradition, alles sehr genauzunehmen. Und so verbannten sie in einer spontanen Aktion mit dem griffeligen Titel „Gegen Schriften, sofern sie nicht aus der Schweiz stammen oder den Interessen der Schweiz jetzt und immerdar zur Ehre gereichen” alle ausländischen Schriften aus den Betriebssystemen aller in der Schweiz installierten Computer. Einzig übrig blieben nach dieser Aktion nur Zeichensätze wie „Helvetica”, „Swiss” und „TimesNewRoma” (eine Minderheitenforderung) sowie „Parisian” im französisch-sprachigen Landesteil. Der Aktion zum Opfer fielen dagegen Fonts wie „Chicago”, „New York” (wegen der drohenden Amerikanisierung) und „Avant Garde” (wegen der progressiven Tendenz).
     „Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, wir seien pedantisch, reaktionär, penibel, schwulenfeindlich oder ausländerverachtend, aber diese getürkten Schriften mußten einfach ihren Platz räumen. Das muß man verstehen, wir sind ja schließlich Schweizer”, so ihr Zitat zum Thema.