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Apropos Frühling
Die Wahrheit über eine lang überschätzte Jahreszeit


Nach einer Studie der renommierten Saisonologen in Ohio, Oregon, ist endlich nachgewiesen: Der Frühling, die so vielgelobte Jahreszeit, ist in Wirklichkeit nur ein Antiherbst. Die Forschungsgruppe unter Leitung der berühmten Konifären S. Pring und La Printemps stieß anhand jahrelanger Auswertungen von Videobändern auf ein faszinierendes Phänomen. In einem randomisierten Experiment spulten unbezahlte Probanden stundenlang Videos vor und zurück, auf denen die Versuchsleiter einen Baum und sein Schicksal im Laufe eines vollen Jahres kritisch filmisch begleiteten. Sie machten die folgenschwere Beobachtung, daß nach einer anfänglichen Braunfärbung der Blätter ein plötzliches Nichtvorhandensein derselben einsetzte, auf das ein ebenso spontanes wie unerwartetes Wiederauftauchen begann, dem ein scheinbar unmotiviertes Ergrünen folgte. Besonders aufmerksame Studenten, die es dem Professor besonders recht machen wollten, berichteten sogar von einem monotonen „Plopp“-Geräusch, das beim Aufspringen der Blätter zu hören war. Jenes entpuppte sich später zwar nur als akustische Halluzination, aber es zeitigte doch einige interessante, folgenschwere und unwiderlegbare Theorien, um die heute noch heftig gestritten wird.
     Den Forschern fiel schon nach wenigen Monaten eine verblüffende Ähnlichkeit der beobachteten Belaubungsmuster auf: Im Normalbetrieb des Videorecorders (und der Welt) lassen sich die Blätter hängen und fallen schließlich ihrer angeborenen Trägheit zum Opfer und zu Boden, wo sie humutieren. Im Schnellrücklauf hingegen zeigten sie die in natura eigentlich erst mehrere Monate später zu Tage tretende Tendenz, wieder an die Zweige zurückzuhüpfen. „Das widersprach allen uns bisher unbekannten Theorien, wie Urknall-Theorie, Darwinismus, Chauvinismus und Orgasmus, und bereitete uns einige schlaflose Nächte, das können Sie mir glauben“, gestand uns ein völlig übermüdeter S. Pring. Wie immer in der Wissenschaft ergab sich die Entblätterung der Wahrheit beim zwanghaften Skatspielen in der universitätseigenen Wirtschaft(sfakultät), als einer der Herren „Das ist ja ein isomorphes Blatt“ in die Runde rief, „und das erlaubte uns dann die Erkenntnis, daß der Frühling isomorph, also quasi spiegelsymmetrisch und folglich ein Antiherbst ist. q.e.d.“.
     Einen schweren Schlag für die naiv-blauäugigen Anhänger des sog. „Treibhauseffektes“, die das Ausbleiben des Winters durch die zunehmende Erderwärmung zu erklären versuchen, dürfte die logische Konsequenz der Entdeckung des Antiherbstes bereithalten.
     Wie Professor La Printemps vor Vertretern der Presse ausführte, verpufft bei der Zusammenführung von Herbst und Antiherbst – analog zur Teilchenphysik – die dazwischenliegende „kältere“ Jahreszeit, der „Winter“, selbstverständlich spurlos zu nichts [a + (-a) = 0]. Auf die erregte Frage eines Journalisten, ob er diese haltlose Behauptung denn auch irgendwie beweisen könne, zeigte La Printemps wortlos lächelnd nach draußen. Vor dem Fenster herrschten mitten im Februar subtropische fünfzehn Grad bei strahlendem Sonnenschein – das überzeugte auch den ärgsten Zweifler sofort, und die Berufsnörgler verstummten andächtig. Daraufhin stimmte der spontan ins Leben gerufene Pressechor ein sehnsüchtig-melancholisches „Winter ade, scheiden tut weh“ an, welches übrigens demnächst als Single in winterlicher Sonderpressung auf gekratztem Eis veröffentlicht wird. Titel: „Die Sache ist geritzt, der Winter wird verschwitzt“.
     Kaum hatte sich die Journalistenschar wieder schweigend gesetzt, verkündete La Printemps süffisant schmunzelnd die nächste Überraschung: „Übrigens, was den Sommer angeht... so eigenständig ist der gar nicht. Wir haben nämlich beschlossen, der Sommerhysterie an Stränden und Straßencafés Einhalt zu gebieten. Wie Sie alle wissen, ergibt sich aus der Subtraktion von Herbst und Antiherbst ein zweifacher Herbst, quasi ein „Doppelherbst“, entsprechend der mathematischen Gleichung [a - (-a) = 2 a]. Dieser Dopplereffekt wurde bereits vor 1200 Jahren vom Astronomen Doppler an seinen wildwachsenden Kirschbäumen beobachtet, aber natürlich nicht weiter ernst genommen – obzwar die Tatsachen für ihn sprachen: er begann sein Leben als Bauer mit einem einzigen Baum, und nur zwanzig Jahre später hatte er die Zahl bereits verdoppelt. Er wurde daraufhin als Hexer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Edgar Wallace drehte ein paar Jahre danach seine gleichnamige Schwarzweiß-Klamotte über diesen ungewöhnlichen Heroen des Obstanbaus.“
     Die Auswirkungen dieser bahnbrechenden Einsicht sind für uns Normal-Jahreszeiten-Benutzer noch gar nicht abzusehen. Beispielsweise müssen alle ehemaligen „Frühlings“-Gedichte und Poeme umgeschrieben werden.


     Auch die Musik bleibt von umgreifenden Umwälzungen nicht verschont – Verdi wird wohl nicht umhin können, seine „Vier Jahreszeiten“ noch einmal, und diesmal richtig, zu verfassen. Der „Winter“ schmilzt zusammen (alternativ: die viereinhalb Minuten Stille von John Cage), der „Sommer“ besteht aus dem viertausendköpfigen Sonderorchester des Deppendorfer Musikvereins, das jede Note zweimal und mit doppelter Lautstärke intoniert, und der „Frühling“ wird progressiv-dynamisch rückwärts aus dem Herbst-Thema entwickelt; dazu werden einfach der Konzertsaal auf den Kopf gedreht («die Halle stand Kopf!») und zusätzliche Haltegurte an den Sitzreihen befestigt sowie eine ausreichende Anzahl von Tranquilizern gegen den unvermeidlichen Brechreiz gespritzt. Bei schon vorhandenen Musikaufnahmen auf CD genügt ein simples gewendetes Einlegen des Silberlings in den Player, um den gewünschten Effekt hervorzuzaubern. Aufgeschlossene Mitbürger wenden schlichtweg ihren Anzug, um das entsprechende „Frühlings“-Gefühl zu bekommen.
     Der lästige „Frühlingsputz“, der früher jedes Jahr von den Wänden rieselte, ist mit dieser faszinierend praktischen Einführung des Antiherbstes Schnee von gestern. Statt dessen wird nicht im Herbst geputzt, worunter die Reinlichkeit, entgegen ersten Befürchtungen, durchaus nicht zu leiden hat.

     Mittlerweile wird die offizielle Jahreszeiteninstallierung schon im amerikanischen Kongress vorbereitet, wobei Ober- und Unterhaus bereits ihre einhellige Zustimmung signalisiert haben.
     Progressive Kreise betreiben die logische Fortschreibung dieser bestechenden Aussichten nach Kräften. So beantragten sie mit Erfolg, das „Unterhaus“ in „Antioberhaus“ umzubenennen. Nach der bekannten Addition ergibt sich dort also eh nichts, was politische Bedeutung hätte. Subtrahiert man jedoch diese beiden Institutionen voneinander, ergibt sich in den tagungsfreien Perioden doppelter Schwachsinn, insbesondere bei Präsident und Senat. Apropos „Senat“: Nennt man ihn fürderhin „Antipräsident“, folgt daraus das komplette Nichts, wenn sie zusammenhalten; und gegeneinander ausgespielt, doppeltes Chaos.
     Weiterhin, zur Vereinheitlichung der Sprachregelung und zur Vermeidung von Mißverständnissen, wird per Dekret entschieden, daß Begriffe, die bereits vor der Reform die Vorsilbe „Anti-“ führten, zukünftig statt dessen mit „Frühling-“ tituliert werden. Beispiele: Falsch: „Antigone“ –> richtig: „Frühlinggone“; falsch: „Antizipieren“–> richtig: „Frühlingzipieren“; falsch: „An Tischen wird nicht geraucht!“ –> richtig: „Frühlinschen wird nicht geraucht!“ oder alternativ „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“.
     Außerdem wird die antiquierte Vorsilbe „doppel-“ in „Sommer-“ umgewandelt. z.B.: Falsch: „Einen Doppelten bitte“ –> richtig: „Einen Sommerten bitte“; falsch: „Doppeldecker“ ’ richtig: „Sommerdecker“; falsch: „Verdoppelungsgefahr“ ’ richtig: „Versommerungsgefahr“.
     Da bisher vielerorts „Humorlosigkeit“ mit „Ernst“ verwechselt wurde, werden von Stund an beide Begriff vertauscht, um die richtige Verwendung sicherzustellen. Beispiel: Statt „Da bisher vielerorts «Humorlosigkeit» mit «Ernst» verwechselt wurde...“ heißt es nun deutlich sinnvoller „Da bisher vielerorts «Ernst» mit «Humorlosigkeit» verwechselt wurde...“.
     Mit all diesen Maßnahmen hofft die Forschungsgruppe, dem ohnehin unterentwickelten Sprachgefühl der Bevölkerung genügend Gewalt angetan zu haben. Mit einem launigen „Bis zum nächsten Jahr, wir finden schon wieder was Neues“, verreisten sie in ihren wohlverdienten Doppelurlaub auf die Frühlingllen.


© Michael Kuyumcu & Peter Marwitz