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Von den Socken
Eine kurze Geschichte der Fußbedeckung
Von Dr. Ped. Theo A. Rie und Rocco Schubert


Die meisten modernen Menschen wie Sie und ich nehmen ihre Füße als eine der natürlichsten Sachen der Welt hin. Was macht man mit seinen Füßen nicht alles – man wäscht sie, man pedikürt sie, man hält sie warm, man streichelt sie, man spricht mit ihnen und was derlei noch mehr sein möge. Diese Art des bewußten aufmerksamen Umgangs mit den eigenen Gehorganen war für die Menschheit nicht immer so selbstverständlich wie heute. Noch damals nahm der Mensch seinen Fuß schlichtweg nicht wahr – da das Konzept „Fuß” nicht im mentalen Repertoire des Steinzeitmenschen vorhanden war, entging er seiner Aufmerksamkeit. Der Fuß war sozusagen der blinde Fleck des damaligen Homo Sanonpediens. Man entdeckte die Füße schließlich 3000 Jahre v. Chr. am Ende der Beine. Diese sensationelle Entdeckung war gleichzeitig das Ende der Beinzeit, und läutete die Pedalaera ein.

Fortan war der Fuß ganz groß im Kommen. Das Verwenden eines anderen Körperteils zu diesem Behufe ging den meisten Menschen damals noch ab und wurde erst viel später allgemeine Sitte. Der Mensch, seines Fußes gewahr und schließlich bewußt, ersann schon bald Mittel und Wege, seine neugewonnene Beweglichkeit zu kultivieren. Er steckte ihn in lederne Mokassins, Lederstiefel oder von Jägern ausgelegte Fußangeln, die, meist mitdressierten Bären bestückt, den nichtsahnenden Wanderer in die Falle köderten. Und war der Fuß erst entdeckt, so konnte er kalt werden, schmerzen, warm werden, verspannt sein, kurz: allerlei Unanehmlichkeiten bereiten oder einfach den persönlichen oder kollektiven ästhetischen Normen in seiner Natürlichkeit nicht gerecht sein: man erfand die Fußpflege und kurz darauf (12 Jahre später) die auch heute noch sogenannte „Fußbekleidung”, so benannt nach dem belgischen Frittendreher in Reserve, Bel Klemens Leidung.

Nachdem man den übermannten Feind in der Schlacht von Hauschilden entledert hatte, war endlich genügend Rohmaterial für den ersten gepanzerten Fußschutz, der diesen Namen auch verdiente, vorhanden. Zuerst wickelte Leidung im Auftrage Seiner Majestät kleine feste Lederlappen um die Füße der kampfgeplagten Söldner, um diese vor Verletzungen, Kälte, abgelaufenen Sohlen und den schmerzhaften Auf-den-Fuß-Tritten durch die Hufe der Armeepferde und -kühe – von irgendetwas mußte man sich ernähren, und die Pferde konnte man ja nicht schlachten, sie lebten ja noch – zu schützen. So kam es wie immer in der Geschichte der Geschichte zum Ersteinsatz einer innovativen Neuerung durch das Militär für kriegerisch-humane Zwecke. Aus dem militärischen Begriff des „Gesocks”, wie man die gefußlederten Kriegerscharen nannte, leitete sich der Begriff der „Socke” ab. Eines Tages dann entdeckte ein Deserteur, daß man Socken auch ganz gut für den zivilen Einsatz verwenden konnte, z.B. für Spaziergänge über Land, zum Einkaufen und was Sie so kennen. Erstmalig offiziell der zivilen Nutzung übergeben wurde der Fuß als solcher übrigens anläßlich des Geburtstages des ersten richtig flotten Ministers in Hundertmeters-Print, eine Stadt neben der belgisch-polnischen Grenze.

Im Zuge der industriellen Revolution und des deutsch-französischen Dreipferdekrieges (22. Januar) – das beliebte Sprichwort „Drei Pferde, ein Tag” zeugt noch heute von diesen Ereignissen –, begannen die belgischen Kämpen trotz der Besockung zu frieren, da es erstmals winterlich kalt wurde. Ein fröstelnder Scherge des regierenden Kaisers ersann angesichts der Notlage, die ihm scherzhaft bewußt wurde, als er durch die Tundrasümpfe watete, die Wadensocke, indem er den Lederschaft der Socke um einige Zentimeter verlängerte. Das kostete ihm zwar den Kopf wegen unsachgemäßen Betragens in Sumpfgebieten, aber den Siegeszug dieser Erfindung sollte das genausowenig aufhalten wie die belgische Armee auf ihrem bahnbrechenden Rückzug. Nach der Schlappe bei Stockings, als die Oberschenkel der attackierenden Belgier-Horde im dortigen Kanal unversehens festfroren, entschloß sich das Heereszentralkommitee zu einem drastischen Schritt und erließ in rascher Folge eine Reihe von neuen Versockungsverordnungen, wobei die Länge kontinuierlich zu- und die Dicke entsprechend abnahm, um die Materialkonstante nicht so zu verletzen, wie sich die bewaffneten Kombüsenmannen beim Schneiden ihrer Erbsensuppe. Kniesocke, Oberschenkelsocke und dann schließlich gar als anfänglich letzter Initialschritt die belgisch Hose, oder wie der korrekte deutsche Fachbegriff lautet: die Doppelbeinoffensocke. Bis zum Bauchnabel hoch war der wackere Rekrut nun warm verpackt, und es dauerte wie immer nicht lange, bis auch der Rest des Körpers mit Socken überzogen wurde: Armsocke (belg. Ärmel), Brustkörpersocke (belg. Pullunder), Schädelsocke (belg. Mütze), Lendensocke (belg. U-Hose), Posocke (belg. Schal), Ohrläppchensocke (belg. Skimütze, nach dem Pars pro toto-Prinzip).

Die perverseste Waffe, die je von Menschenhand ersonnen wurde: Das Schuh-Boot


Trotz der vermehrt zivilen Ausnutzung des Sockgedankens und der Widerstände hat das Militär in unserer Zeit die Idee des trageleichten Fußschutzes wieder aufgegriffen und zu neuen Höhen getrieben. Der Metallrollniederwalzsocke (belg. Panzer) folgte die Wasserstoff- und die Neutronensocke, mit ihren verheerenden Auswirkungen auf die allgemeine Hautgesundheit. Außerdem fiel es sehr schwer, diese Socken nach Felde (der Stadt, in der so viele wackre Burschen ihr Leben ließen) zu tragen, wenn ein Dreipfünderfeind hinter einem herschoß. Die Tatsache, daß es ohne die Erfindung der Socke heuer keine Armeen mehr gäbe, zeigt sich nicht zuletzt im Namen des deutschen Wehrsportvereins namens BUND, benannt nach dem gleichnamigen oberen Abschluß einer Doppelbeinoffensocke. Außerdem wirbt das Heer bisher mit dem vielversprechenden Slogan: «Komm her – zum Bund fürs Leben». Sobald ein Soldat von einer Kugel durchsiebt im Feld oder in Felde oder auch ins Feld fällt und sich dabei seine Uniform schmutzig macht, sagt man ihm ehrenvoll nach, er habe den goldenen Sockenschuß empfangen.

Eine weitere krasse Fortentwicklung aus der Militärforschung für spätere sportliche Zwecke sollte sich alsbald sogar im olympischen Kontext etablieren: die Spitznadelpieksuntersocke (belg. Spikes), die dem untersoldeten Recken im Krieg auf der Krim dazu dienten, so manches willfährig zu machen und Müll & Geld einzusammeln. Der moderne Mensch benutzt diese Fußbekleidungen im privaten Kontext bevorzugt, um Rundlederrollsocken (belg. Fußball) über ausgetretene Grasfurchen zu treiben und dabei selbst bei glitschigem Geläuf immer im Tritt zu bleiben.

Heute ist das Prinzip der Socke allumfassend, auch wenn man ständig auf sie herabsieht: Tragesocken in Kaufhäusern, Fahrsocken auf den Autobahnen, Flugsocken im Weltraum, Konvektionssocken vor den Augen (belg. Brille), Universalsocken (belg. Allzweckgegenstand), Schreib- und Lesesocken (belg. Bütten) und vieles mehr. Der Sockengedanke (belg. Idee) findet sich auch auf Schritt und Tritt im Aktuellen außerhalb der Landesgrenzen: im Brauchtum gründen sich ca. am 13. September 1825 erste freilaufende Sockenbrüderschaften, die keinen Hehl aus ihrer Veranlagung machen und sich offen zur Socke bekennen, ohne dabei jedoch ihrer notleidenden Verantwortung für das soziale Umfeld aus dem Wege zu gehen. Auf diese Brüder gehen diverse skurrile Bräuche und Gesittungen zurück, mit denen alljährliches Fußangeln, Hamsterbacken und beifälliges Zehenknirschen einhergehen. Die den Markt umsäumenden belgischen „Schuhvertreter” waren mit dem Verlauf der Verkäufe ihrer Unterdamensocken oft sehr unzufrieden, da es damals noch zu wenig Frauen gab, die zu ihrem Fetischismus öffentlich standen. Sie prägten daher den auch heute noch geläufigen Begriff des „Pfennigabsatzes”. Kaufte eine Dame dennoch das angepriesene Produkt, lief sie prompt Gefahr, daß das Fußaccessoire mit ihr durch Mark und Bein ging (Mark war damals noch in der Ausbildung, über Bein sind keine Worte zu verlieren). Sie werden heute kaum etwas in Ihrer Umgebung finden, das nicht Socke wäre oder war.

Wie emotional verwachsen der Mensch bereits mit seinem neuen Körperteilorgan Fuß ist, zeigt sich daran, daß wir ihn sogar mit auf den Mond geschossen haben, wie Millionen von Schuhschauern an den heimischen Geräten brühwarm mitverfolgten. Zwar hieß der Träger des Fußes noch Armstrong, aber es war klar, daß die Ära des Arms schließlich abgelöst werden sollte und ein großer Schritt für uns und unsere Gehhilfen eingeläutet worden war. Aber wir sollten nicht selbstzufrieden die Füße hochlegen und glauben, wir hätten alles erreicht, was Menschen zu erreichen imstande sind, denn wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird? Wir jedenfalls nicht. Fest steht dafür, daß demnächst folgende zwei Organe aus der Liste der „unbekannten Körperteile” (LuK) in die Liste der „mehr oder weniger bekannten” (LmowbK, nach dem russischen Limnologen) übertragen werden könnten:
1.
2.

Die Folgen sind noch abzusehen.

© 20. August 1996 von Michael Kuyumcu und Peter Marwitz