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Eßbare Videobänder

Bordell auf Rädern

52 Adventssonntage

Lange Leitung (T.kom)

Briefe 16.10.91 – 26.11.91

3.12.91 – 19.1.92


   Brief an Ferrero
   Brief an die Grünen
   Brief an FDP /CDU/SPD
   Brief ARD (Lottoshow)
   Brief Hermes Arrznei
   Brief Verkehrsbetriebe
   Brief Procter & Gamble
   Brief Pelzschloß Dmoch
   Brief an Teekanne

27.1.92 – 28.9.92

4.1.93 – 1.11.94

7.11.94 – heute

Texte aus dem Buch

>> Letztes Update


Sehr geehrter Herr XXX,

vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 23.1.92, in der Sie lebhaftes Interesse an unserem exklusiven Komfort-Anhänger-Angebot bekundeten. Damit bestätigt sich einmal mehr die allseits anerkannte Vorreiterrolle, die Siegen (nicht nur) beim ÖPNV inne hat. Bis vor Kurzem sahen wir einer erfolgreichen und beiderseitig höchst einträglichen Zusammenarbeit mit Freude und Erwartung entgegen.
Doch – wer kann schon alle Eventualitäten und Unwägbarkeiten des Lebens voraussehen - müssen wir zu unserem allertiefsten Bedauern von einer Realisierung dieser neuartigen Idee zur kreativen Personenbeförderung in Deutschland Abstand nehmen.
In letzter Zeit ergaben sich im arabischen Testgebiet nach anfänglichen mutmachenden Erfolgen diverse Rückschläge, deren Ursachen wir erst klären und beseitigen müssen. Da Ihr Betrieb ja an einer Kooperation interessiert war, haben Sie – so sehen wir das jedenfalls – auch ein gewisses Anrecht darauf, über diese Problempunkte etwas eingehender informiert zu werden.

Seinen geruhsamen Anfang nahm alles, als zwei arbeitslose Studenten, die ihre rudimentären BWL-Kenntnisse in klingende Münze umsetzen wollten. Zwei Alternativen entsprangen den genialen Köpfen, die wir der Einfachheit halber mal Steven und James nennen wollen: Die eine Idee hatte die Revolutionierung der innerstädtischen „Park-and-Ride”-Abwicklung im Auge. Und zwar sah dieser Plan eine Umwandlung dieses Systems in ein „Park-and-Reit”-Verfahren vor. Dabei hätten die Autofahrer ihren Wagen an den citynahen großzügig verteilten Reitställen deponiert und hätten die Stadterkundung mit einem waschechten Gaul fortgesetzt. Doch dummerweise zeigten sich die Pferde auch nach eindringlichen Ermahnungen nicht einsichtig und mißachteten selbst die elementarsten Verkehrsregeln wie Abseits, Kreisverkehr auf der Stelle (sog. Punktlandung) und Barrenblocken. Ein heilloses Chaos voller umgestürzter Gemüsekarren und damit einhergehender Beeinträchtigung der allgemeinen Ruhe war die erschütternde Folge. Sie haben bestimmt von dem traurigen Schicksal einiger unserer Testorte gehört... Burpsfield und San Francisco (Sie erinnern sich: das angebliche „Erdbeben”) sind seither auf den Landkarten von 1992 nicht mehr wiederzuerkennen...

Doch durch einen solch banalen Rückschlag ließen sich unsere Jungmanager selbstverständlich nicht von ihrem angesteuerten Erfolgskurs abbringen. Der unwiderstehliche Drang, der Menschheit Wohltaten angedeihen zu lassen, ließ sie nicht ruhen, so daß schon nach kürzester Zeit der nächste Geistesblitz bei ihnen einschlug (und in Form unseres ersten Briefes auch bei Ihnen): Komfort-Anhänger. Aus Schaden klug geworden, beschlossen sie dieses Mal ein dünner besiedeltes und weitgehend unrelevantes Testgebiet zu wählen, nämlich den arabischen Groß-Raum.

Die ersten Versuche am lebenden Objekt im Scheichtum Kuwait und zwei Monate später in den Vereinigten Arabischen Emiraten ließen sich hervorragend an. Bis zur Einführung dieses genialen Konzeptes führte der ÖPNV in diesen Ländern eher ein Mauerblümchendasein, was sich nun schlagartig änderte. Die Bewohner von Kuwait (bekanntlich das reichste Land der Erde) waren schon lange auf der Suche nach ein wenig Zerstreuung, nachdem ihnen die alltäglichen Bäder in Erdölseen und Geldspeichern voller Goldstücke keine bedeutenderen Lustgefühle mehr vermitteln konnten. Die bisherigen präferierten Fortbewegungsmittel bestanden aus geräumigen Luxuslimousinen, aber Fahrten durch endlose, öde Wüstenlandschaften werden auf die Dauer nun mal schlichtweg langweilig. Da kam unser neues ÖPNV-Projekt gerade recht. menschenmassen fanden sich nun tagtäglich an den Bushaltestellen ein, wobei harte Kämpfe um die begehrten und knappen Plätze entbrannten, die nicht selten mit dem Tode einiger Kandidaten endeten.

Aber auch hier wurden unseren beiden sympathischen Protagonisten Steine in den Weg gelegt. Das Verscharren der Leichen stellte natürlich kein ernstliches Problem dar, doch wer hatte mit den Wirren der Weltgeschichte gerechnet? Auch wir wurden vom Golfkrieg im letzten Jahre schlichtweg überrascht. Mit der Tatsache, daß einige unserer Komfort-Anhänger jetzt zwangsweise Irakis in Bagdad umherkutschieren hatten wir uns ja zähneknirschend abgefunden. Doch als der Konflikt in die heiße Phase eintrat, wurden auch die restlichen in unserer Hand verbliebenen Wagen von den alliierten Befreiungstruppen konfisziert und zu Raketenabschußbasen umfunktioniert, was bei der multivarianten Bauweise der Anhänger keine nennenswerten Schwierigkeiten bereitete. Kaum war der Krieg vorbei, da entschwanden die amerikanischen GIs auch bereits gen Heimat - nur nahmen sie leider unsere Busse gleich mit. Wir warten heute noch auf die zugesagte Rück-Überführung, das Weiße Haus stellt sich taub... Sogar unser Antrag auf Entsendung von UNO-Friedenstruppen in die USA zur Wahrung und Sicherstellung unserer Rechte und Interessen blieb ergebnislos. Gerüchte wollen etwas von Ausstellungsstücken bei Disneyland gehört haben.

Traurig, oder?! Aber wir wären nicht dort, wo wir heute sind, wenn wir nicht ausreichend Beharrungsvermögen hätten. Drum geht’s weiter. Unser neues Projekt, das wir vermutlich einer befreundeten Agentur übertragen wollen, sieht eine Flutung Schleswig-Holsteins vor. Die Folge wäre eine ungehinderte Passage auch für die größten Supertanker, ohne das lästige Nadelöhr Nord-Ostsee-Kanal. Darüber hinaus sind Wasserfahrzeuge einfach ungleich sicherer als Autos und Lastkrfaftwagen (in den Statistiken werden weitaus weniger Auffahrunfälle von Passagierdampfern aufgeführt, als dies bei PKW der Fall ist).
Ich persönlich bleibe von den notwendigen Umstrukturierungen in unserer Firma leider auch nicht verschont, und werde auf einer unserer Betriebsfarmen in den berüchtigten kalifornischen Sümpfen Popcorn-Plantagen bewässern.

Es war schön mit Ihnen,
Ihr

(Michael Schmidt-Brodersen)

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